Schulklasse 1976
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Die 1970er Jahre: Zeit für Wandel

29.04.2026GesamtschuleJubiläum

Die 1970er Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs – in der Bundesrepublik ebenso wie an der Wilhelm-Löhe-Schule. Gesellschaftliche Veränderungen, Reformen im Bildungswesen und neue pädagogische Ideen prägten dieses Jahrzehnt. Auch die Schule stellte sich den Herausforderungen der Zeit und wagte wichtige Schritte in die Zukunft. Drei Entwicklungen stehen dabei besonders für den Wandel dieser Jahre: die Einführung der Koedukation, die Gründung der Fachoberschule sowie die Errichtung des Neubaus auf der Deutschherrnwiese.

Koedukation

Entgegen der verbreiteten Annahme kamen die ersten Knaben nicht erst in den 1980er Jahren an die Löhe-Schule. Tatsächlich begann die Koedukation schon deutlich früher. Bereits 1976 wurden die ersten 20 Jungen in die Grundschule aufgenommen. Ein Teil von ihnen wechselte später zeitgleich mit dem Umzug in den Neubau auch ans Gymnasium.

Dennoch galt die Wilhelm-Löhe-Schule noch lange als Mädchenschule – auch intern. 1979 war beispielsweise nur etwa ein Sechstel der Lehrkräfte an Gymnasium und Realschule männlich. In manchen Jahrgängen gab es weiterhin reine Mädchenklassen, vermutlich um die älteren weiblichen Lehrerinnen nicht zu sehr zu irritieren. Auch im Schulalltag brauchte es Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. So sollen neu eingestellte männliche Lehrkräfte, die sich nachmittags noch im Schulgebäude aufhielten, zunächst das Misstrauen der damaligen Hausmeisterin geweckt haben – in Einzelfällen wurden sie sogar des Hauses verwiesen. Eine Anekdote, die heute schmunzeln lässt, aber zeigt, wie tief die Tradition der Mädchenschule noch verankert war.

Dass die Koedukation schließlich selbstverständlich wurde, zeigte sich spätestens 1996: Die männliche U18-Fußballmannschaft der Schule erreichte das Bundesfinale von „Jugend trainiert für Olympia“ in Berlin.

Neue Wege durch die Fachoberschule

Ein wichtiger Meilenstein wurde bereits im Schuljahr 1970/71 gesetzt: Mit der Fachoberschule für Sozialwesen entstand an der Wilhelm-Löhe-Schule ein völlig neuer Bildungsweg. Damit wurden auch die ersten sieben jungen Männer an der Schule aufgenommen – noch vor der offiziellen Einführung der Koedukation in den allgemeinbildenden Schularten.

Zunächst fand der Unterricht allerdings extern statt, erst in den Räumen der Stadtmission, später der Kirchengemeinde Maxfeld. Der Jahresbericht 1971/72 beschreibt den Start so:

„Mit 15 jungen Leuten (acht Damen und sieben Herren) begannen wir die Arbeit.“

Mit der Fachoberschule hielt nicht nur eine neue Schulart Einzug, sondern auch das zentrale Kennzeichen berufsbildender Schularten: die enge Verzahnung von Theorie und Praxis in der Ausbildung. Theoretischer Unterricht und Praktika in sozialen Einrichtungen wie Kindergärten oder Krankenhäusern wurden eng miteinander verknüpft.

Gleichzeitig entsprach die Fachoberschule dem sozial-diakonischen Profil der Wilhelm-Löhe-Schule. Ihre Einführung eröffnete neue Bildungswege und sorgte damit für mehr Durchlässigkeit – ganz im Sinne der damaligen Bildungsreformen, die mehr Bildungsgerechtigkeit zum Ziel hatten.

Später wurde das Angebot weiter ausgebaut: Mit Wirtschaft und Verwaltung kam ein zweiter Ausbildungszweig hinzu. Zudem erhielten Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, über die 13. Jahrgangsstufe die fachgebundene oder sogar die allgemeine Hochschulreife zu erwerben.

Der Neubau als Symbol des Aufbruchs

Die Einführung der Fachoberschule machte deutlich, dass die vorhandenen Schulgebäude an ihre Grenzen stießen. Anfang der 1970er Jahre besuchten rund 1.750 Schülerinnen die Schule – die räumliche Situation war entsprechend angespannt.

Vor diesem Hintergrund entstand der Gedanke, die verschiedenen Schularten unter einem Dach zusammenzuführen. Das wurde in verschiedenen Gremien intensiv diskutiert. Der Beauftragte für den Neubau der Schule, Pfr. Bauer, formulierte das Grundkonzept der neuen Schule folgendermaßen:

„Hauptgedanke dabei ist…die vom Landeskirchenrat erbetene Präzisierung des besonderen Auftrags einer evangelischen Schule….vorzubereiten. Besonders weise ich hin auf die Möglichkeit der Verbindung der allgemeinbildenden Schulen mit Möglichkeiten der praxis- und berufsbezogenen Bildung, wobei in diesem Fall das sozial-diakonische Element entscheidend sein sollte.“

Man dachte dabei anfangs jedoch nicht nur an die organisatorische Zusammenfassung der vorhandenen Schularten unter dem Dach einer Kooperativen Gesamtschule, wie es seit 1972 der Fall ist, sondern die Planungen gingen zunächst weit darüber hinaus: Neben den bestehenden Schularten wurden auch ein Modellkindergarten, eine Fachschule für Sozialpädagogik, eine Fachhochschule und sogar eine „Sonderschule“ diskutiert. Das ließ sich aus räumlichen und finanziellen Gründen so nicht realisieren – doch die Vision zeiget den ausgeprägten Zukunfts- und Gestaltungswillen dieser Zeit.

Mit der Einweihung des Neubaus auf der Deutschherrnwiese am 17. Oktober 1980 begann schließlich ein neues Kapitel in der Geschichte der Wilhelm-Löhe-Schule. Dort, wo zuvor Soldaten marschierten, und später Zirkuszelte standen, entstand ein Schulgebäude, dessen Architektur diese Geschichte aufgriff: Der Entwurf orientierte sich an der Form eines Zirkuszelts – vielfach auch als Schmetterling oder Engel interpretiert.

Ein Jahrzehnt des Aufbruchs

Die 1970er Jahre waren für die Wilhelm-Löhe-Schule weit mehr als nur ein Jahrzehnt des Wandels. Viele der Strukturen, die heute selbstverständlich erscheinen, haben hier ihren Ursprung – geprägt von Aufbruch und gestalterischem Mut.

Bernd Dietweger

 

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