Die Gründung der Wilhelm-Löhe-Schule
29.04.2026GesamtschuleJubiläum
Im Jahr 2026 feiert unsere Stadt ein besonderes Jubiläum: 500 Jahre Schule und schulische Bildung in Nürnberg. Ein bedeutender Meilenstein in dieser langen Geschichte – insbesondere im Bereich der höheren Mädchenbildung – ist die Gründung der Wilhelm-Löhe-Schule vor 125 Jahren. Dieses Jubiläum ist nicht nur Anlass zum Feiern, sondern auch Gelegenheit, die Geschichte einer Schule zu würdigen, die Generationen von Schülerinnen und Schülern bis heute prägt und inspiriert.
Im ersten Teil der Artikelserie zum 125. Jubiläum gehen wir an die Anfänge zurück und beleuchten die Gründungsgeschichte.
Beweggründe für die Schulgründung
Aus einem Brief eines Nürnberger Bürgers nach Neuendettelsau 1894
„Wäre es nicht angezeigt, hier eine evangelische Töchterschule zu errichten, welche die Aufgabe hätte, den Einfluss der Englischen Fräulein zu mindern? Lehrschwestern und Schulmädchen müssen durch eine einfache, aber formschöne Kleidung schon äußerlich zu erkennen geben, dass vor allem Einfachheit und Schönheit der Sitte auf protestantischer Grundlage bei ihnen vorherrschend sind ….“
Es war keineswegs so, dass es in Nürnberg keine evangelische Schullandschaft gab; sie konzentrierte sich jedoch hauptsächlich auf die Ausbildung für damals typische weibliche Berufe wie Lehr- und Handarbeitsschwestern, Kindergärtnerinnen oder Sprachlehrerinnen. Eine auf die Allgemeinbildung ausgerichtete Ausbildung evangelischer Töchter existierte jedoch nicht.
Dies war jedoch nicht das einzige Motiv für die Errichtung einer solchen Schule in Nürnberg. In manchen evangelischen Kreisen sorgte man sich um die Pädagogik an staatlichen Schulen: „Mit unnötigem Wissenskram wird der junge Geist geprägt und der Körper und Herz vernachlässigt“.
Eine Protokollnotiz einer Jahreshauptversammlung verdeutlicht zudem den Konkurrenzdruck gegenüber dem Katholizismus in Nürnberg: „Aus Nürnberg kommen immer wieder Anfragen, dem übermächtigen Vordringen Roms im Mädchenschulunterricht entgegenzutreten.“ Die Rivalität zur bereits bestehenden Schule der Englischen Fräulein ist daraus klar erkennbar.
Selbst der bekannte Theodor Flieder, ein Wegbereiter der diakonischen Arbeit, meldete sich aus Kaiserswerth mit der Anfrage, ob „es nicht möglich wäre, in Nürnberg eine höhere Mädchenschule, ein Pensionat oder dergleichen ins Leben zu rufen.“
Bedenken
Doch es gab auch erhebliche Bedenken: Die finanzielle Ausstattung der Schule sowie die Frage geeigneter Räumlichkeiten standen bereits vor der Schulgründung im Mittelpunkt. Auch die finanzielle Beteiligung der Stadt und das Verhältnis zu den staatlichen Behörden waren zentrale Themen. Zudem musste die Frage der personellen Ausstattung mit Lehrschwestern oder Diakonissen geklärt werden.
Insbesondere den Verantwortlichen der Diakonissenanstalt in Neuendettelsau lagen die sittlichen Anfechtungen der Großstadt am Herzen – sowohl für die Schülerinnen als auch das Lehrpersonal. Hermann von Bezzel, der damalige Leiter der Neuendettelsauer Anstalten, empfahl in diesem Zusammenhang den Schülerinnen „den Besuch eines guten Konzerts oder eines guten Stückes…und Anstandsstunden in der Anstalt“. Ganz und gar wandte er sich jedoch gegen „gesellige Reunionen, Kinderbälle und eigentliche Tanzgelegenheiten, da sie als Gift für die Jugend zu bezeichnen sind“. Der damalige staatliche Schulinspektor Haffner sprach gar von „Vergnügungssümpfen“, denen das weibliche Lehrpersonal in Nürnberg ausgesetzt wäre. Schließlich sprach sich auch der damalige Nürnberger Bürgermeister Johann Georg Ritter von Schuh mit den Worten „Nürnberg ist nicht der Boden für engherzige konfessionelle Unternehmungen“ indirekt gegen die Gründung einer solchen Schule aus.
Die Eröffnung der Schule
Trotz all dieser Bedenken konnte die finanzielle Basis für die Schulgründung relativ schnell hergestellt werden, und die Raumfrage wurde zunächst durch die vorübergehende Unterbringung der neuen Schülerinnen in einem Privathaus in der Eilgutstraße 7 gelöst. Wenig später wurde eine Anzeige in der Nürnberger Zeitung geschaltet, um neue Schülerinnen zu gewinnen.
Die Nachfrage war offenbar groß, denn bereits im ersten Schuljahr mussten einige Bewerberinnen aus Platzgründen abgewiesen werden. Am 16. September 1901 schließlich konnte die Schule mit 70 Schülerinnen in vier Klassen und vier Lehrdiakonissen ihren Unterricht aufnehmen.
Schülerzahlen und Schulgeld
Die Schule entwickelte sich rasch. Während im ersten Schuljahr 67 Schülerinnen aufgenommen wurden und bereits 16 aus Raumgründen abgewiesen werden mussten, stieg die Zahl im zweiten Schuljahr auf 87. Mit dem Umzug in die Zeltnerstraße und der damit verbundenen Eröffnung der sechsten Klassen wuchs die Zahl auf 212 Schülerinnen (darunter 14 auswärtige, weshalb über ein Internat nachgedacht wurde), dann auf 361 im Jahr 1906 und 493 im Jahr 1910 – bei 26 Lehrerinnen und 23 Internatsschülerinnen. 1918 galt die Schule schließlich als „überfüllt“.
Das Schulgeld war gestaffelt nach Klassenstufen: Klassen 1-3: 60 Mark, Klassen 4-6: 80 Mark, Selekta 7-9: 100 Mark und für auswärtige Schülerinnen: 110 Mark.
Schulleben/Schulordnung
Schon kurz nach der Gründung gingen die ersten Klagen aus dem Lehrkörper ein:
„Schlechte Manieren, das entsetzliche Nürnberger Deutsch, das unruhige Wehen beim Unterricht macht viel Mühe. Ich finde in der Schule ein buntgewürfeltes Material ohne völlige Zügelung oder Zucht, aber nicht bösartig.“
(Dazu passt auch die Disziplinarsatzung der Schule S.96, siehe Bildergalerie)
Die Gründung und die ersten Jahre der Wilhelm-Löhe-Schule bilden das Fundament einer langen Bildungsgeschichte, die bis in unsere heutige Zeit reicht. Im nächsten Teil unserer Artikel-Serie werfen wir einen Blick auf die schwierigen Jahre während der Zeit des Nationalsozialismus und die Herausforderungen, denen die Schule in dieser Zeit begegnete.