Zeitzeugengespräch: Befreiung der „Landshut“
24.03.2026GymnasiumGeschichteVortrag
Zeitzeugengespräche eröffnen im Geschichtsunterricht eine besondere Perspektive: Geschichte wird als persönliches Erlebnis unmittelbar greifbar. Genau diese Erfahrung machten die Schülerinnen und Schüler der 10. und 13. Klassen unseres Gymnasiums, als sie Aribert Martin zuhörten, der als Mitglied der GSG 9 an der Befreiung der Geiseln der „Landshut“ beteiligt war.
Geschichtliche Einordnung
Mit der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer erreichte die Terrorwelle in der Bundesrepublik Deutschland im Herbst 1977 ihren Höhepunkt. Die Terroristen forderten die Freilassung von elf Inhaftierten der RAF-Bewegung, darunter Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Doch die Bundesregierung verhandelte nicht. Um den Druck zu erhöhen, kidnappten palästinensische Terroristen am 13. Oktober 1977 den Ferienflieger „Landshut“ auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt am Main. Für die 86 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder begann eine mehrtägige Reise des Schreckens mit mehreren Zwischenstopps. Für den Piloten Jürgen Schumann endete sie in Aden tödlich, als er vom Anführer der Terroristen erschossen wurde. Erst nach fünf Tagen unter entsetzlichen Bedingungen und Todesangst wurden die Geiseln in Mogadischu/Somalia durch ein Einsatzkommando der GSG 9 befreit. Dabei wurden drei der vier Entführer getötet, ein GSG 9-Mann sowie eine Stewardess verletzt.
Operation Feuerzauber
Aribert Martin schilderte den Schülerinnen und Schülern eindrücklich die Vorbereitung und Durchführung des Einsatzes seiner Spezialeinheit GSG 9, der unter dem Namen „Operation Feuerzauber“ bekannt wurde. Besonders anschaulich war seine Beschreibung des koordinierten Zugriffs: Mehrere Einsatzteams positionierten sich gleichzeitig an allen Zugängen zum Flugzeug, um das Flugzeug schnell unter Kontrolle zu bringen. Auf ein gemeinsames Signal hin – dem „Feuerzauber“, als Ablenkungsmanöver ausgelöst durch zwei Blendraketen vor dem Bug der Maschine – begann die Öffnung der Türen.
Auch die Schilderung der Situation im Inneren der Maschine hinterließ bei den Zuhörenden einen bleibenden Eindruck. Aribert Martin berichtete von der angespannten Atmosphäre, den verängstigten Geiseln, dem starken Geruch und den schwierigen Bedingungen an Bord. Er beschrieb, wie er unmittelbar nach dem Betreten des Flugzeugs versuchte, den Passagieren Sicherheit zu vermitteln und sie zur schnellen Evakuierung anzuleiten – stets unter der Gefahr eines Angriffs durch die Terroristen; eine Handgranate verfehlte ihn nur knapp. Zudem erzählte er von seinem Mitgefühl mit einem jungen Terroristen, der ungefähr sein Alter hatte, und der im Mittelgang von mehreren Kugeln getroffen worden war.
Es waren dramatische Momente, die alle Beteiligten – Einsatzkräfte, Bordbesatzung und Passagiere – bis heute verbinden. Die Erleichterung über die gelungene Befreiung und die Tatsache, dass alle zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Geiseln gerettet werden konnten, wirken bis in die Gegenwart nach.
Für die Schülerinnen und Schüler wurde Geschichte an diesem Vormittag auf besondere Weise lebendig. Das Zeitzeugengespräch machte deutlich, dass historische Ereignisse nicht nur aus Fakten bestehen, sondern von individuellen Erfahrungen, Entscheidungen und Perspektiven geprägt sind. Die Schilderungen zeigten, dass es Menschen braucht, die in schwierigen Situationen Verantwortung übernehmen und auch unangenehme Entscheidungen treffen, und dass es sich lohnt, sich mit Überzeugung für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung einzusetzen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig situative Aufmerksamkeit und ein geschärftes Gespür für räumliche und zeitliche Zusammenhänge sind – Fähigkeiten, die sich durch wachsame Wahrnehmung und bewusstes Auseinandersetzen mit der eigenen Umwelt entwickeln lassen. So leistet ein Zeitzeugengespräch einen wertvollen Beitrag dazu, Geschichte nicht nur zu verstehen, sondern auch für das eigene Handeln in der Gegenwart zu reflektieren.